Orakel
wollen wir keine sprechen, wohl aber den Medienmarkt scharf beobachten.
Deshalb fühlen wir regelmässig rund 40 Experten
aus der Kommunikationswirtschaft und der Medienwissenschaft den
Medienpuls.
Übrigens: Warum das DELPHInarium
weniger mit Meeressäugern, als vielmehr mit Forschungsmethoden
zu tun hat.
Teilen Sie uns Ihre Meinung
zur DELPHInarium-Frage mit.
DELPHInarium 1/2002
Gestörte Ruhe für die SonntagsZeitung
Die NZZ am Sonntag wird sich im Markt rasch erfolgreich etablieren,
vor allem auf Kosten der SonntagsZeitung. Eine klare Mehrheit der
Teilnehmer des Publicom-DELPHInariums prognostiziert eine bedeutende
Umverteilung von Leser- und Werbemarktanteilen.
Seit dem 17. März herrscht auf dem Deutschschweizer Zeitungsmarkt
auch sonntags Hektik. Für Aufregung im Markt sorgt die neue
NZZ am Sonntag, die zu den bedeutendsten Schweizer Medieninnovationen
der letzten Jahre gehört. Solche Projekte in nahezu gesättigten
Märkten bedürfen hoher Investitionen bei ungewissen Erfolgsaussichten.
Mit diesen befasste sich die erste Runde des Publicom-DELPHInariums
in diesem Jahr. Folgende Fragen standen im Vordergrund: Wird die
NZZ am Sonntag ihr ambitiöses Auflagenziel erreichen? In welcher
Frist? Werden die beiden bestehenden Blätter, SonntagsZeitung
und SonntagsBlick, Leser verlieren, in welchem Umfang? Was wird
auf dem Anzeigenmarkt passieren?
NZZ am Sonntag erreicht ihr Auflagenziel
in 3-5 Jahren
Um längerfristig zu überleben, muss die NZZ am Sonntag
mindestens 150'000 Zeitungen pro Ausgabe verkaufen. Praktisch alle
DELPHInarium-Teilnehmer trauen Ihr dies zu. Bleibt nur die Frage,
wie lange es dauert. Jeder Fünfte glaubt, dass ihr dies schon
innerhalb der ersten zwei Jahre gelingt, und zwei Drittel sehen
das Ziel innerhalb von drei bis fünf Jahren erreicht. Kein
Zweifel also, dass das jüngste Kind der "alten Tante"
im Markt verbleiben wird!
Abbildung 1: Wird
die NZZ am Sonntag ihr Auflagenziel von 150'000 verkauften Exemplaren
erreichen? (N=33)
Starke Abwanderung von Lesern der SonntagsZeitung
Wie wird sich nun die Lancierung der NZZ am Sonntag auf die Leserschaft
der anderen Sonntags-Titel auswirken? Gemäss DELPHInarium-Panel
wird die SonntagsZeitung erhebliche Leserverluste erleiden. Drei
Viertel der Befragten schätzen den Rückgang auf mindestens
zehn Prozent. 18% der Experten glauben sogar, dass mehr als ein
Fünftel zur NZZ am Sonntag wechseln werden.
Vergleichsweise geringe Leserverluste muss dagegen der SonntagsBlick
befürchten. Nur knapp die Hälfte der Experten meint, dass
es zu einem fünf- bis zehnprozentigen Rückgang der SonntagsBlick-Leserschaft
kommen wird. Die andere Hälfte erwartet überhaupt keinen
Einfluss der neuen Konkurrenz auf den SonntagsBlick.
Abbildung 2: Wie
schätzen Sie den Einfluss der NZZ am Sonntag auf die SonntagsZeitung
ein?
SonntagsZeitung grösste Verliererin
im Anzeigenmarkt
Abschliessend wurden die DELPHInarium-Teilnehmer gebeten, eine gesonderte
Betrachtung der Veränderungen auf dem Anzeigenmarkt vorzunehmen.
Abbildung 3: Welche
Titel müssen im Anzeigenmarkt Verluste befürchten? (N=33)

Demnach hat die SonntagsZeitung auch im Anzeigenmarkt Verluste zu
befürchten. Drei von vier Experten (73%) glauben, dass die
Verluste der SonntagsZeitung im Vergleich zu den Konkurrenztiteln
am grössten ausfallen werden. An zweiter Stelle wird die vor
der Umwandlung in ein Magazin stehende Weltwoche genannt, die gemäss
24 der 33 Befragten Verluste zu erwarten hat. Jedoch glauben nur
12% der Experten, dass die Weltwoche insgesamt am stärksten
betroffen sein wird.
Für die Verantwortlichen der NZZ mischt sich gleichwohl ein
Wermutstropfen in das positive Gesamtbild. Laut Expertenmeinung
gehört nämlich auch die Samstagsausgabe der NZZ zu den
Verlierern auf dem Anzeigenmarkt: Einen "Kannibalisierungs"-Effekt
erwarten drei von vier Befragten

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