„Republik“: Kein Allheilmittel gegen die Medienkrise

DELPHInarium 1/2017

Abbildung 1: "Welchen maximal 3 dieser Versprechen aus dem Republik-Manifest sind am meisten Personen gefolgt, als sie ein Abonnement bei Republik lösten?" (n = 23)
Abbildung 2: "Welche 3 Merkmale sind heutzutage die Wichtigsten für ein demokratierelevantes Massenmedium in der Schweiz?" (n = 23)
Abbildung 3: "Bitte geben Sie an, wie sehr Sie diesen Statements zustimmen" (n = 23)
Abbildung 4: "Noch ist Republiks Erfolg im Markt nicht über jeden Zweifel erhaben. Was ist Ihre Prognose: Wie lange wird Republik als eigenständiger Titel überleben?" (n = 23)
 

 

Mit grosser Spannung werden die ersten Ausgaben von Republik erwartet. Seine erste Finanzierungsrunde absolvierte das Online-Magazin äusserst erfolgreich und ebenso öffentlichkeitswirksam. Im DELPHInarium I/2017 kristallisiert sich heraus, dass von Republik keine Neudefinition des journalistischen Geschäftsmodells oder gar des Schweizer Mediensystems zu erwarten ist. Die breite Unterstützung der Idee „Republik“ führt jedoch vor Augen, dass ein substanzielles Interesse an anspruchsvoller Berichterstattung besteht und Medienkonsumenten durchaus bereit sind, für Medieninhalte zu bezahlen, die in den letzten Jahren gratis erhältlich waren.

Erhebliche Zahlungsbereitschaft für politische Inhalte

Aus dem Stand heraus waren knapp 14’000 Personen bereit, für ein Jahres-Abonnement des Online-Magazins Republik 240.– Franken zu bezahlen. Noch kein einziger Artikel ist erschienen, und die inhaltliche Ausrichtung bleibt vage, von der User Experience ganz zu schweigen. Vom angekündigten Online-Magazin Republik existiert einzig ihr „Manifest“. Republik soll den Qualitätsjournalismus wiederbeleben, den offenbar nicht nur das Redaktionsteam an der Zürcher Langstrasse, sondern auch eine veritable Menge künftiger Abonnenten in der Deutschschweiz vermissen.

Während diese Begeisterung von den Kritikern als impulsiv und nicht nachhaltig abgetan wird (Republik habe „Klubmitglieder, keine Leser“, hiess es beispielsweise im Schweizer Journalist), zeigt ein Blick ins nahe Ausland, dass gerade die Community-Bewirtschaftung als Business-Modell viel Momentum gewonnen hat: Wenn es News-Medien gelinge, von der Produkt-Logik (News) auf eine Dienstleistungs-Logik (Mehrwert) umzuschwenken, könnten sie gehaltvolle und monetarisierbare Beziehungen knüpfen, wie an dieser Stelle ausgeführt wird. Beispielhaft sei De Correspondent genannt, dessen mehrwertbasiertes Modell hier, hier und hier mit grossem Interesse aufgenommen wird.

Leser wollen „Leidenschaft“, aber Demokratie braucht „Aufklärung“, sagen die Experten

Republik verspricht der Leserschaft in spe nicht nur einen aufklärerischen „no bullshit“-Journalismus, sondern auch den vollständigen Verzicht auf Subventionen oder Werbung. Das Sponsoring-Modell von Republik sowie die Rückbesinnung auf die gesellschaftliche Funktion des Journalismus sind jedoch beileibe nicht einzigartig. Weltweit werden unzählige Online-Formate ausprobiert, mit denen das von den Grossverlagen hinterlassene Verantwortungsvakuum gefüllt werden soll. Das Experten-Panel des DELPHInariums äussert sich jedoch dahingehend, dass für das Publikum vom aufklärerischen Geist vor allem anderen die Leidenschaft und der Esprit attraktiv seien (vgl. Abbildung 1).

Kritik am Status Quo sowie umfassende Berichterstattung zu „grossen Themen“ schätzen die Experten für die Republik-Abonnenten deutlich weniger wichtig ein und bestätigen damit in der Tendenz die Einschätzung des „Schweizer Journalist“-Chefredaktors Kurt W. Zimmermann: Republik habe „keine Leser, sie hat Klubmitglieder“. Zum jetzigen Zeitpunkt stimmt diese Aussage sogar, denn es gibt tatsächlich noch nichts von Republik zu lesen.

Danach gefragt, welche der Versprechen aus dem Republik-Manifest auch Merkmale eines demokratierelevanten Mediums seien, fand sich unter den jeweils wichtigsten drei nur ein gemeinsames: die Ausrichtung an und inhaltliche Verpflichtung gegenüber der zahlenden Leserschaft. Eine empathische Berichterstattung („Leidenschaft und Ernsthaftigkeit“) sei aber nicht unabdingbar für ein Massenmedium, das die Bevölkerung aufklären und zur politischen Partizipation animieren solle (vgl. Abbildung 2).

Republik kann mehr sein als nur Antagonist der etablierten Medien

Die Achillesferse von Massenmedien ist deren Vertrauenswürdigkeit. Im Zuge eines generell strapazierten Vertrauens in gesellschaftliche Institutionen verliert auch der Journalismus etablierter Medien viel seiner Deutungsmacht und muss befürchten, pauschal als „Lügenpresse“ abgestempelt zu werden. Republiks Rhetorik zielt ebenfalls in diese Richtung; die Medienkonzentration ebenso wie die Ökonomisierung des Journalismus verrieten den demokratischen Diskurs zugunsten der Gewinnmaximierung. Es sich die Frage, ob Republik in die Oppositionsrolle gehen muss und nur als Antagonist marktwirtschaftlich Erfolgsaussichten hat.

Während das Experten-Panel der Einschätzung weitgehend zustimmt, dass Republik von der aktuellen Medienverdrossenheit profitiere, lehnt ein fast ebenso grosser Teil des Panels die Aussage ab, dass Republiks Relevanz sich einzig aus dem Misstrauen ins Establishment speise (vgl. Abbildung 3). Damit das Geschäftsmodell von Republik funktioniert, ist es also nicht notwendig, eine Polarisierung der Schweizer Gesellschaft herbeizuführen und zu einer Echo-Kammer des Anti-Establishments zu werden. Vielmehr zählen die Experten darauf, dass Republik und ähnliche neue Angebote das Medienmenü erweitern und zu eigenständigen, alternativen Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs werden.

Trotz allem: Verhaltene Hoffnung in Republiks Überlebenschancen

Die Hoffnung in den Titel Republik ist jedoch mit verhaltenen Überlebensaussichten verknüpft: Nur gerade jeder sechste Experte des Panels glaubt daran, dass Republik mehr als fünf Jahre lang erfolgreich sein wird – jeder vierte rechnet mit nicht mehr als den durch das Startkapital garantierten zwei Jahren (vgl. Abbildung 4). Die Gruppe der Optimisten ist also doch recht klein, was die Lebensdauer dieses vielversprechenden Medienprojekts angeht.

Auf der anderen Seite sagen die Experten aber auch voraus, dass uns noch mindestens 3 Jahre bevorstehen, in denen wir Entwicklung und Erfolg eines Journalismus- und Geschäftsmodells verfolgen können, das wie kein anderes davor die monetarisierbare Nachfrage nach ernsthafter und anspruchsvoller Berichterstattung in der Schweiz vor Augen führen konnte sowie die Begeisterungsfähigkeit für moderne Recherche- und Aufbereitungsformen. Sollte Republik nach Ablauf dieser Frist als eigenständiger Titel tatsächlich nicht mehr existieren, bleibt noch immer die Hoffnung, dass die Medienschaffenden gelernt haben, wie sie ihre Arbeit finanzieren und gleichzeitig in den Dienst der Demokratie können.

Fazit

Wenn es Republik gelingt, die Leidenschaft und Ernsthaftigkeit in ihren Artikeln wie versprochen zu liefern, wenn die Berichterstattung nicht nur Empörung und Erregung bewirkt, sondern Betroffenheit und Handlungsmöglichkeiten aufzeigt, könnte hier tatsächlich ein Medienprodukt entstehen, das den Spagat zwischen Publikumsnähe (Mehrwert) und demokratischer Relevanz schafft und somit auch eine betriebswirtschaftlich funktionierende Alternative zu herkömmlichen Geschäftsmodellen des Nachrichtenwesens darstellt. Zusammenfassend ist zu sagen, dass trotz der erheblichen Zahlungsbereitschaft für politische Medieninhalte und Haltungen im Sponsoring-Modell von Republik nicht das Allerheilmittel für die Schweizer Medienkrise gesehen wird. Die DELPHInarium-Experten stehen dem Projekt wohlwollend gegenüber und wären wohl, wie das Gros der Schweizer Medienschaffenden, froh, wenn endlich mal eine Erfolgsstory aus dem Mediensystem zu vermelden wäre.

 

(Bild: project-r.construction für republik.ch)

 
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